Kinesiologie: Muskeln lügen nicht

Bitte denken Sie an etwas Schönes und lächeln Sie dabei! Tun Sie es? Gut. Strecken Sie nun einen Arm im rechten Winkel zur Seite und bitte Sie jemanden, seine Hand auf Ihr Handgelenk zu legen und es gegen Ihren Widerstand sanft nach unten zu drücken. Er wird es nicht schaffen! Ihr Arm bleibt im Schultergelenk „eingerastet“.
Und jetzt der Gegenversuch: Nehmen Sie eine ungesunde Substanz in die andere Hand, z. B. ein Stückchen Zucker, und bitten Sie Ihren Helfer erneut, Ihren Testarm nach unten zu drücken. Diesmal wird es ihm gelingen – und zwar ohne jede Kraftanstrengung.

Was ist passiert? Die ungesunde Substanz ist ein „Stressor“, der die durch Ihren Körper fließende Energie blockiert hat. Dadurch wurden sämtliche Muskeln – nur aus Praktikabilitätsgründen wird der Test meist am Oberarm durchgeführt – geschwächt. Das zumindest behaupten die professionellen Muskeltester, die Kinesiologen (aus den griechischen Wörtern kinesis = Bewegung und logos = Wort, Lehre).

Aus dem Phänomen der „ent- bzw. verriegelten“ Muskeln schlussfolgern sie, dass der Körper nicht lüge und man mit dem Test nicht nur störende Einflüsse, denen ein Mensch ausgesetzt ist, sondern auch Krankheiten aller Art in Sekundenschnelle diagnostizieren kann. Ist das tatsächlich so?

Uralte Wurzeln

Zunächst ein kleiner Rückblick: Die gesamte, den Pseudowissenschaften zuzuordnende „Angewandte Kinesiologie“ mit dem Muskeltest als Kernstück der Diagnostik ist auf Jahrtausende altes, überliefertes Wissen verschiedener Kulturkreise zurückzuführen. Wiederentdeckt wurde die Methode erst Mitte des 20. Jahrhunderts von dem amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart. Goodheart gab an, in seiner chiropraktischen Arbeit zufällig beobachtet zu haben, dass der Funktionszustand von Muskeln bestimmte körperliche und/oder seelische Vorgänge widerspiegelt. Er systematisierte seine Erkenntnisse und entwickelte 1964 ein Testverfahren, das den Spannungszustand von Muskeln ohne Zuhilfenahme von Apparaten messen sollte: den Muskeltest.

Dem Test zu fast weltweiter Bekanntheit verhalf allerdings erst Anfang der 80er Jahre der australische Goodheart-Schüler John Diamond mit seinem Bestseller „Der Körper lügt nie“ (siehe Buchtipp). Zahllose Alternativheiler begannen damals damit, den Test zur Diagnose und zur Indikationsstellung bestimmter Medikamente und Heilverfahren einzusetzen.

Unbewusste Informationen abrufen

Der Test-Entwickler George Goodheart glaubte, dass bestimmte Muskeln mit den uns aus der Akupunktur bekannten Meridianen korrespondieren. Nach den Vorstellungen der Traditionellen Chinesischen Medizin sind die Meridiane Energiebahnen, auf denen die Lebensenergie (das so genannte Qi) fließt. Wenn man einen Muskel nun mit einer Energie raubenden Substanz, Information oder Emotion konfrontiere, werde er unter Stress gesetzt und reagiere mit einem kurzen „Abschalten“ oder Nachgeben.
Da diese Erstreaktion vom autonomen Nervensystem gesteuert und nicht willentlich vom Verstand kontrolliert und manipuliert werden könne, mutmaßte Goodheart, dass sich aus der Funktion der Muskeln Rückschlüsse sowohl auf den im jeweiligen Meridian proklamierten Energiefluss als auch die dazugehörigen Organe ziehen lassen könnten.

In der Regel wird der Testperson vorher erklärt, was eine starke oder schwache Muskelreaktion bedeuten soll; nötig ist es allerdings nicht. Genauso wenig ist es zwingend notwendig, dass eine Substanz in die Hand genommen werden muss, um ihren Einfluss auf den Körper zu testen. Um das obige Beispiel mit dem Zuckerstückchen aufzugreifen: Es reicht auch aus, wenn Sie nur an Zucker denken, damit Ihr Indikatormuskel nachgibt. (Oder: Denken Sie an Kerzenlicht – und testen Sie; denken Sie an Neonlicht – und testen Sie erneut. Merken Sie den Unterschied?)

Maßgeschneiderte Therapien

Goodheart und seinen Anhängern zufolge verhält es sich genauso, wenn man an ein eventuell erkranktes Organ denkt: Ein geschwächter Muskel signalisiere, dass es ein Problem in dem angesprochenen Bereich gibt. Man könne den Muskeln alle möglichen Fragen stellen und sich im wahrsten Sinne des Wortes per Ausschlussverfahren mit binären Fragen – ja oder nein, stark oder schwach, schädlich oder unschädlich usw. – an die Antworten herantasten. Ist eine bestimmte Arznei hilfreich für den Betroffenen? Ist ein bestimmtes Nahrungsmittel gut verträglich? Ist eine (vorgestellte) soziale Situation günstig?

In der Angewandten Kinesiologie geht es aber nicht nur darum, energetische Ungleichgewichte oder Störungen zu identifizieren, sondern diese auch auszugleichen. Dabei wird davon ausgegangen, dass der menschliche Organismus selbst am besten wisse, was ihm gut tue bzw. was ihm schade, und das körpereigene Rückmeldesystem unmittelbar mitteile, was zur Behebung eines bestimmten Problems oder zur Erreichung eines bestimmten Ziels getan werden müsse. So werde sichergestellt, dass nur jeweils die angemessenen, vom Körper geforderten und akzeptierten Maßnahmen ergriffen würden.

Auch wenn das Spektrum der Anwendungsmöglichkeiten aufgrund der Universalität des Tests nahezu grenzenlos ist, so hat sich das Verfahren laut seiner Anhänger besonders bewährt bei Allergien, Ängsten, Asthma, Depressionen, Essstörungen, Migräne, Neurodermitis, Suchtverhalten, Schlafstörungen sowie psychischen Blockaden und Problemen.

Verschiedene Kinesiologiesysteme

Aufbauend auf den Erkenntnissen Goodhearts wurden von seinen Schülern einige weitere Kinesiologie-Systeme entwickelt. Am bekanntesten ist die von John Tie Anfang der 70er Jahre vorgestellte Therapiemethode „Touch for Health“ (Gesund durch Berührung), mit der auch medizinische Laien Blockaden sowie „Über- und Unterenergien“ feststellen und über das Berühren von Reflexpunkten beseitigen können. Weitere bekannte Methoden sind die „Edu-Kinestetik“, die sich in erster Linie mit Lernschwierigkeiten und verwandten Problemen wie Hyperaktivität beschäftigt, und die „Three In One Concepts“, die u. a. Gesprächstherapie nach Carl Rogers einbezieh

Nur ein Placeboeffekt?

Die Kritiker der Methode raten allerdings von kinesiologischer Diagnostik – zumindest als einzigem Indikator – entschieden ab. Es bestehe das Risiko, dass Gesunde für krank und Kranke für gesund erklärt würden, dass unnötige Medikamente eingenommen und notwendige, wirksame Behandlungen versäumt würden.
Der Grund: Es gebe keinerlei Hinweise auf eine diagnostische oder sonstige Tauglichkeit des Tests. Vielmehr hätten unabhängige Studien gezeigt, dass die Testergebnisse in erster Linie auf die suggestive Einwirkung des Therapeuten auf den Patienten zurückgingen.
Die Kinesiologen wischen solche Einwände vom Tisch: Die Wirksamkeit des Muskeltests sei unter Laborbedingungen an Tausenden von Testpersonen demonstriert worden.