Qi Gong – mit heilenden Bewegungen zum Glück

Vor einigen Jahren waren es nur wenige und wegen ihrer zunächst befremdlich anmutenden Bewegungen in freier Natur zogen sie – im günstigsten Falle – erstaunte Blicke von Spaziergängern auf sich; doch ihre Zahl steigt stetig und längst hat man sich an ihren Anblick gewöhnt: die Rede ist von einzelnen oder in kleinen Grüppchen auftretenden Qi Gonglern, die auf öffentlichen Grünflächen, auf Wiesen und in Parks ihre Übungen absolvieren. Der Begriff Qi Gong setzt sich zusammen aus dem chinesischen Wort für Atem, Energie und Fluidum (Qi) sowie dem Wort für Arbeit, Fähigkeit und Können (Gong); in der chinesischen Medizin und Philosophie steht das Qi zudem sowohl für die bewegende als auch die vitale Kraft des Körpers und die ganze Welt.

Qi Gong (gesprochen: Tschi –Gung) kann somit als stete Arbeit am Qi übersetzt werden bzw. als die Fähigkeit, mit dem Qi umzugehen. Ziel des Qi Gong ist es, die Lebensenergie des Menschen zu stärken und ihm zu einer gesunden geistigen Verfassung zu verhelfen.

Jahrtausendealte Entwicklung

Die Wurzeln des Qi Gong liegen weit zurück, schon zur Zeit des taoistischen Philosophen und Schriftstellers Zhuangzi (ca. 356 – 290 v. Chr.) – es war die Zeit der Streitenden Reiche – wurden bestimmte Formen angedeutet und in der Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) erste (Seiden-)Bilder angefertigt. Der Name Qi Gong kam erstmals in der Jin-Zeit (265 – 1234 n. Chr.) auf und bezeichnete zunächst bestimmte Übungen der Kampfkunst, bei denen es beispielsweise um das An- und Entspannen einzelner Muskelpartien ging. Einige Übungen spielte auch bald in der Gesundheitsvorsorge eine große Rolle und sie wurden zudem für geistig-religiöse Zwecke eingesetzt. Die Bezeichnung Qi Gong für diese Übungen kam allerdings erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts auf und darunter wurden nun auch völlig neue Entwicklungen verstanden, die ebenfalls auf den Jahrtausende alten Traditionen beruhten. Schon bald bedienten sich auch die ersten Ärzte dieses Namens für ihre Gesundheitsübungen, in denen sie die Techniken alter Tradition zur Förderung und Stabilisierung des Energiehaushaltes und zur Behandlung von Krankheiten verwendeten.

Integraler Bestandteil der chinesischen Medizin

In der klassischen chinesischen Medizin geht man davon aus, dass das Qi als Lebenskraft durch alle Lebewesen strömt. Dieser Auffassung zufolge fließt das Qi ungehindert und klar, wenn wir gesund sind und uns sowohl geistig als auch seelisch ausgeglichen und stark fühlen; wenn aber auf einer dieser drei Ebenen eine Störung vorliegt, blockiert das Qi und dies kann zu Krankheiten führen. Damit dies nicht passiere, gelte es, Störungen der Lebenskraft möglichst gar nicht erst aufkommen zu lassen bzw. sie sofort zu erkennen und aufzulösen. So erklärt es sich, dass Qi Gong nicht nur als therapeutische Maßnahme, sondern vor allem auch präventiv eingesetzt wird. In der klassischen chinesischen Medizin gilt es deswegen neben der Akupunktur, Akupressur, Ernährungslehre und Phytotherapie als unverzichtbares Teilgebiet.

Was ist und wann hilft Qi Gong?

Das moderne Qi Gong entfaltet seine besondere körperliche, geistige und seelische Wirkungskraft durch die Kombination verschiedener Elemente, aus denen es sich zusammensetzt: dazu gehören spezifische Körperhaltungen und –bewegungen, bestimmte Atemtechniken sowie Übungen des Geistes und der Vorstellungskraft.
Qi Gong wird eingesetzt bei körperlichen Problemen, vor allem bei Kopf- und Rückenschmerzen sowie Verspannungen, es wirkt stressreduzierend, verhilft zu seelischer Ausgeglichenheit bzw. Gelassenheit und es steigert die Abwehrkräfte. In den westlichen Ländern wird Qi Gong zunehmend auch eingesetzt, um Krankheitsverläufe positiv zu beeinflussen, etwa bei Krebs, Rheuma, Asthma, Nervenerkrankungen oder Tinnitus. Im Gegensatz zu den meisten anderen gesundheitsfördernden Methoden hat es zudem noch einige entscheidende Vorteile: die einzelnen Übungen können aus einer breiten Übungspalette nach den spezifischen Bedürfnissen bzw. Altersanforderungen ausgewählt werden und sie sind – weil man nur wenig Raum benötigt – fast überall durchführbar, sogar im Flugzeug! Außerdem kann die Länge der Übungszeit (fünf bis 45 Minuten) flexibel gewählt werden.

Viele Richtungen und unzählige Übungen

Weil es im Qi Gong viele verschiedene Richtungen und damit auch unzählige Übungsfolgen gibt – beim Forschungsinstitut für Qi Gong in Peking wurden bisher mehr als 1.000 Richtungen angemeldet und rund 100 davon auch anerkannt -, empfiehlt sich zum Einstieg der Besuch eines entsprechenden Kurses. Geschulte Therapeuten finden schnell heraus, welche Übungen für welchen Menschen am besten geeignet sind. Mittlerweile gibt es auch eine Reihe von Büchern, die gut in die Thematik einführen und die bei der Suche nach dem individuellen Programm aus gymnastischen Elementen und meditativen Übungen hilfreich sein können (siehe Buchtipps am Ende des Artikels).

Von Adlern, Fischen und Wildgänsen

Zu den bekanntesten Übungen gehört hierzulande die statische „Stehende Säule“ (Zhan Zhuang), bei der die Himmel-Erde-Verbindung im Mittelpunkt steht. Dies ist auch der Fall bei der leichter einzuübenden dynamischen Übung „Öffnen und Schließen von Himmel und Erde“ (Tian Di Kai He Fa). Diese Übungsform setzt sich aus einer kurzen Bewegungsfolge zusammen, die über einen Zeitraum von 20 bis 40 Minuten wiederholt wird.
„Diese medizinische Qi Gong Übung entfaltet eine starke körperliche Wirkung. Sie hat jedoch gleichzeitig eine schnell spürbare geistig-seelische Wirkung: Sie beruhigt und zentriert in hohem Maße“, so die Qi Gong-Lehrerin Dr. Caroline Schmauser aus Berlin. Besonders effektiv sei das Öffnen und Schließen von Himmel und Erde in der freien Natur.
Eine weitere sehr bekannte Übungsreihe nennt sich „Acht Brokate“ (Baduan Jin); ihr Name bezieht sich auf die Feinheit und Kostbarkeit von Brokatgewebe. Die Acht Brokate dehnen Muskeln, Sehnen und Bänder und verbessern die Blutzirkulation im Körper. Außerdem werden Stabilität und Beweglichkeit gefördert, Fehlhaltungen korrigiert und die Atmung wird verbessert. Alle Übungen bedienen sich einer für westliche Ohren ungewöhnlichen Bildersprache: Da wird der Himmel mit den Händen unterstützt, es werden Bögen gespannt, es wird auf Adler gezielt und es werden mit Kopf und Schwanz wiegende Fische herbeizitiert.
Apropos: Da viele Qi Gong-Übungen den Namen von Tieren tragen, sollten Sie nicht pikiert sein, falls jemand Sie zu einem Kranich-Kursus einladen oder gar von Ihnen verlangen sollte: „Mach’ mir die Wildgans!“ Seien Sie in diesem Falle versichert: Er meint es nur gut mit Ihnen.